Polo GT… 60 PS – hey, mal im Ernst: Du musstest in Wolfsburg groß geworden sein mit deinen Eltern als Mitarbeitern im Werk – sonst konntest Du das wirklich kaum cool finden. Dann kam vom Nachfolger 86c der nächste GT und der hatte dann schlagkräftige 75 PS – huuu huuu…
Wo haben die Wolfsburger eigentlich rumgehangen, als sie solche Entscheidungen getroffen haben? Ford hatte vom Fiesta den Super S aufgelegt, der 66PS hatte – und schon das 53PS Modell ging ziemlich gut zur Sache. 1980 sah man dann halbwegs ungetarnt die ersten Fiesta mit runden Scheinwerfern heimlich durch Großbritannien fahren – und 1982 erschien der Fiesta XR2 – und zwar mit satten 84PS. Da konnte der Polo bei weitem nicht mithalten und Konkurrent Opel hatte noch nicht einmal herausgefunden, wie man Autos in dieser Klasse baut. Bis zum Corsa GSI war es da noch ein weiter Weg.

müsste man schon wegen der Felgen wieder bauen
Hinzu kam beim Fiesta XR2 relativ schnell die Tatsache, dass der Wagen nicht nur leicht und schnell war und ungemein gut auf der Straße lag – es stelle sich auch heraus, das man ihn ungemein leicht auf 96PS heraufziehen konnte. Und jetzt mal flugs gerechnet: 96PS in einem Fiesta… Der Golf GTI hatte 110PS – und den schenkte dir den Vater nicht zum Abi – bei Fiesta konntest Du da schon mal Glück haben, damals in den 80er Jahren….
Der Ford Fiesta XR2 zeigte an, was mit den Fahrzeugen dieser Klasse tatsächlich möglich war – obwohl das in Deutschland damals noch nicht so recht gesehen wurde – es schien zu Beginn praktisch keine rechte Kundengruppe für diese Autos zu geben – wahrscheinlich daher auch die Zurückhaltung des zögerlichen Massenherstellers VW… Die eigentliche Zielgruppe war zu jung und konnte sich den Wagen nicht leisten – und erwachsene Männer fuhren in Deutschland nicht gerne kleine Autos – zumal die zu allem Überfluss als unsicher galten und man ihnen keine hohen Geschwindigkeiten zutraute. Als ich den damals zum ersten Mal gefahren bin, hab ich ihm sofort jede Geschwindigkeit zugetraut – da war ich allerdings 18 – längst wurde schon seit Jahren das Modell 89 gebaut.

In UK praktisch heilig gesprochen worden damals
In England hingegen mit seinen kleinen kurvigen Landstraßen, die auf schmale Fahrzeuge ausgerichtet waren (und sind), wurde die Klasse der HOT HATCHES das Non plus Ultra – und ist es bis heute. Und dort fahren auch erwachsene Börsenmakler mit Spitzeneinkommen diese Autos…
Mittlerweile haben die Kisten über 200PS – und ohne Vorstöße wie den Fiesta XR2, der dieses martialische Gen in die kleine Klasse brachte, wären solche Dinge auch heute nicht möglich, denn wie so oft musste die These des kleinen sportlichen Wagens erst einmal unter Beweis gestellt werden. Und das tat der Fiesta. Er tat dies über 3 Generationen. Der facegeliftete Fiesta „Fiesta 84“ verweichlichte sein Erscheinungsbild ein wenig, spendierte ihm dafür aber offiziell die Maschine des großen Bruders Escort mit jetzt 97PS. Mit dem 89er Fiesta, der in Karosserie und Fahrwerk ein Quantensprung war und die Klasse praktisch neu definierte, kam der XR2i mit 103 ond 110PS – trotz der geringen Mehrleistung und höheren Gewichtes fuhr der Wagen dem Vorgänger davon – das knackige Fahrwerk des Fiesta 84 fand hier seinen Meister im wesentlich erwachsenen Modell mit deutlich mehr Lauflänge.

wird heute zu hohen Höchstpreisen bei Anbietern wie Hollybrooks gehandelt – im Hintergrund sieht man, womit die sonst handeln
Schließlich folgte -der 80er Jahre Folklore angemessen – der Fiesta XR2 mit dem magischen Kürzel 16V und unfassbaren 130PS, die den ersten Fiesta wahrscheinlich schlicht gesprengt hätten. Mit dem letzten Facelift dieses Modells verschwand der Fiesta XR2 dann unbesungen – stärkstes Modell war nun nur noch eine 90PS Version, die nichts konnte, was nicht auch jeder andere Fiesta konnte.
Grundlegend war die Kriegsbemalung und die Spoiler-Generation, die es ja auch als XR3 (Escort) und XR4 (Sierra) gegeben hatte, aus dem Konzern verschwunden – man gab sich nun seriöser… Einer der Gründe war die erhebliche Versicherungseinstufung, die die Fiestas ab 1995 hatten. Ein Jahr zuvor war der Versicherungsmarkt neu reguliert worden und tarifierte die Wagen nun nicht mehr ausschließlich nach ihrer Motorleistung, sondern nach ihrer individuellen Schadenwahrscheinlichkeit – und die war bei den Hot Hatches eben hoch, sehr hoch, was die Verkäufe schrumpfen ließ.
Erst 2005 gab es mit dem Fiesta ST einen würdigen Nachfolger – aber davon soll eine andere Geschichte erzählen…
